Ignoranz 2.0?
Gerade habe ich bei YuccaTreePost so lang auf einen Artikel von Enno über „Ignoranz 2.0″ geantwortet, dass ich den Kommentar nicht dort allein „versauern” lassen möchte, sondern ihn hier mal mit kleinen Bearbeitungen wiedergebe:
„Das Problem ist null und gar nicht neu. Siehe auch Höhlengleichnis. Wir bauen nur gerade einen Turbo ein.”
Zunächst einmal muss ich als Formulierungspolizei einschreiten: „Die” Realität wird nicht „subjektiver” – gehst du vom Standpunkt des (wie auch immer gearteten, am durchdachtesten in meinen Augen: soziokulturellen) Konstruktivismus aus, so existiert „die” Realität als eine Entität, auf die sich alle einigen, nicht. Eine solche kann somit auch gar nicht „subjektiver” werden. Vielmehr lebt jeder Mensch in seinen eigenen (vergangenen) Erfahrungen und seinen (aktuellen) Diskursen – und gleicht sie fortwährend mit den Erfahrungen und Diskursen seiner Mitmenschen ab, vor allem, um überhaupt Handeln zu ermöglichen. Dadurch wird jegliches Handeln in ein soziales Netz eingebunden – Schmidt spricht hierbei in seinen Schmidtschmidtschen Doppelungen von Orientierungs-Orientierung und Erwartungs-Erwartungen (beide Begriffe bitte mal durchdenken, das macht tatsächlich Sinn
weiteführend dazu Schmidts „Geschichten&Diskurse” )
Nun kann man aus diesen grundsätzlichen Prämissen ableiten, dass sich die Gesellschaft immer weiter fragmentiert – und der oben angesprochene Turbo, also das Internet, macht diese (auch vorher bereits vorhandene) Diversifikation tatsächlich sichtbarer als bisher. Zudem macht das Netz es extrem leicht, sich in noch spezielleren Nischen als bisher in vertiefende Gespräche zu stürzen (Hallo Long Tail).
Dennoch halte ich es da mit dem fast schon sprichwörtlichen „If news is that important, it will find me”. Jeder Mensch wird als sozial eingebundenes Individuum stets Themenbereiche behandeln (müssen), die den Abgleich der Erfahrungen und Diskurse mit anderen Menschen erfordern. Das reicht dann vom Brief des Hausmeisters an alle Hausbewohner bis zur Diskussion um Benzinpreise, die deutschlandweit geführt wird. Betreffen dich diese Themen, so wirst du dich früher oder später damit auseinandersetzen, um sozial anschlussfähig zu bleiben.
Dementsprechend ist selektive Wahrnehmung kein Webphänomen, sondern wird durch das Web schlicht an die Oberfläche getragen, wird sichtbar gemacht. „Ignoranz 2.0″ war auch ohne Versionierung bereits vorher existent – oder diskutierst du politische Themen erstmal gleichwertig mit CDU-Stammtisch & Alt-68er-Kommune, beschäftigst dich mit allen politischen Themen, liest jede Tageszeitung? Das ist schlicht nicht möglich, so dass du gezwungen bist, durch Selektivität die Kontingenz des Handelns (Schreibe ich diesen Blogkommentar oder gehe ich einen Kaffee trinken?) einzuschränken, sprich Komplexität zu reduzieren.
Spannend finde ich, dass das Web die Auseinandersetzung zu speziellen Themen über die viel beschworenen „weak ties” (PDF „The strength of weak ties”) mit dir unbekannten Menschen ermöglicht. Das potenziert zwar das Kontingenzproblem massiv, bietet dir aber im Umkehrschluss auch die Möglichkeit, deine Erfahrungen & Diskurse mit einer weitaus höheren Zahl an Mitmenschen abzugleichen (so wie wir es hier gerade tun). Und diese Perspektive finde ich dann schon weitaus positiver als „Ignoranz 2.0″.
Zwei Seiten einer Medaille, ich mag halt die leuchtende Seite lieber
PS: Sorry für den Schmidt-Luhmann-Parforce-Ritt