#hierbrenntgarnix
Mittlerweile ist die Welle der Studierendenproteste aus Österreich nach Deutschland herübergeschwappt. Somit wurde auch in Münster eine Aktion gestartet – nach einer symbolischen Kissenschlacht um Studienplätze vor dem Fürstenberghaus wurde am Mittwoch (04.11.) in einer spontanen Aktion das Audimax im Englischen Seminar besetzt.

Bekanntgabe der Besetzung in der Mensa Bispinghof
Zahlreiche handgemalte Banner sowie etliche auf die Schnelle umfunktionierte Plakate rund um das Gebäude wiesen auf die Besetzung hin, zudem wurde diese auch mehrmals (unter anderem?) in der Mensa Bispinghof bekannt gegeben.
Per Twitter verfolgte ich das Geschehen auf dem Weg durch die Stadt, bis ich mir schließlich im Audimax selbst ein Bild der Situation machte. Zwischenzeitlich hatte sich bereits die Rektorin der Uni, Ursula Nelles, der Diskussion im Audimax gestellt. Prorektorin Marianne Ravenstein war noch anwesend, als ich gegen 15 Uhr das Audimax betrat. Da gerade Pause war, bestand das größte Problem in einer koordinierten Pizza-Sammelbestellung. Den Eindruck, den RadioQ etwas später twitterte, hatte ich auch:
Nach Mittwoch nachmittag habe ich das Geschehen nur sporadisch verfolgt – inhaltlich scheint nicht viel passiert zu seien, da die einzigen Meldungen auf der deutschlandweiten Plattform unsereunis.de die Räumung(sandrohung) betrafen. Am Freitag morgen wurde das Audimax dann schließlich friedlich von der Polizei geräumt – insgesamt also eine eher kurze Episode im Kampf der Studierenden für ihre Forderungen:
- Wir fordern den Stop der Ökonomisierung von Bildung!
- Wir fordern freie Bildung für alle!
- Wir fordern eine ausreichende öffentliche Finanzierung aller Bildungseinrichtungen!
- Wir fordern eine radikale Demokratisierung der Schulen und Hochschulen!
Dabei könnte man es nun belassen. Bei der Durchführung dieser Aktion sind mir jedoch einige Dinge aufgefallen, die ich (ganz im Sinne des stets geforderten offenen Diskurses) gerne ansprechen möchte.
Sicherlich sind die Ziele und Forderungen der Aktion sinnvoll – das steht für mich in Detailfragen, aber nicht generell zur Debatte. Jedoch müssen sich die „Veranstalter” einer solchen Aktion einige Fragen stellen lassen:
Raumwahl der Besetzung
Warum wird mit dem Audimax ein Hörsaal besetzt, der nur vom Namen her der zentrale Hörsaal der Uni ist? Warum wird eine solche Aktion nicht im H1 gestartet? Das leitet direkt weiter zum nächsten Problem.
Legitimation & Rückhalt in der Studierendenschaft
Wie werden solche Aktionen legitimiert, wenn der Rückhalt beim Großteil der Studierendenschaft fehlt? In Österreich herrschen offensichtlich katastrophale Studienbedingungen – und das fächerübergreifend. Der dortige Protest entfaltete sich spontan & über Fachbereiche und politische Ausrichtung hinweg. In Münster wurde ich den Eindruck nicht los, dass sich das schon beim Bildungsstreik im Sommer äußerst aktive Orga-Grüppchen diese Gelegenheit nicht entgehen lassen wollte, um eine weitere öffentlichkeitswirksame Aktion zu starten. Völlig aus den Augen gerät dabei offensichtlich die fehlende Unterstützung der breiten Masse der Studierenden – in der Mensa reichten die Reaktionen an Nebentischen von Sprüchen wie „Boah ne, schon wieder so’ne AStA-Aktion!” bis zu gelangweiltem Abwinken, also gravierendem Desinteresse. Die Zahl der Erstbesetzer wurde mit 300 Leuten angegeben. 150 Demonstranten haben laut Pressemitteilung an der Demonstration am Freitag abend teilgenommen. Die MZ schreibt von etwa 70 Leuten. 37.200 Studierende hat die Uni Münster. Nur mal so zur Einordnung.
Party oder ernsthafte Demo?
Die Aktionen (auch die Groß-Demo im Sommer) oszillieren ständig zwischen gewolltem 68er-Geist und Fußballgroßveranstaltung. Umgedichtete EM/WM-Gröhlgesänge vermischt mit linker Rhetorik (Beispiele s.u.) lassen sich meiner Meinung nach eher schwierig mit ernsthafter Begegnung „auf gleicher Augenhöhe” vereinbaren. Es war schlicht lächerlich, wie beim Livestream zur Uni Potsdam Schlachtgesänge halbherzig angestimmt wurden und nach wenigen Worten wieder verstummten. Auch die peinlichen anschließenden Pausen ob fehlender Gesprächsthemen boten ein trauriges Bild – ich dachte es geht um Inhalte!?
Rhetorik / Image
Die oben angesprochene linke Rhetorik nervt. Ich greife mal ein paar Zitate heraus:
- „Die Räumung verlief von Seiten der Studierenden friedlich.” (Quelle) – Der Satz liest sich, als sei die Polizei gewaltsam vorgegangen. In der MZ heißt es dazu: „‚Wir haben die Studenten etwas unsanft geweckt. Unsere Beamten haben quasi das Licht im Hörsaal angeknipst. Proteste gab es anschließend keine’, so Laackman.” Licht anknipsen. Aha.
- „Durch die Räumung, so die BesetzerInnen, sei einer der wenigen Räume nun verloren gegangen, in dem Menschen offen und demokratisch über Bildungspolitik sprechen konnten.” (Quelle siehe oben) – Seit wann leben wir in einer Diktatur? Rede-/Meinungsfreiheit anyone? Es wurden während der Besetzung viele technische Mittel zu einer deutschlandweiten Vernetzung eingesetzt. Streams, Skype-Video-Telefonate, Twitter, Blogs,… Was spricht gegen deren weitere Nutzung? Es gibt über diese Tools einen offenen und demokratischen Weg, all diese Probleme zu diskutieren. Die Mittel zur inhaltlichen Arbeit sind da. Warum also diese aufgesetzte Dramatik?
- „in münster gab es am abend eine kraftvolle, schnelle und unkontrollierbare soli-spontie als zeichen der solidarität mit den besetzenden des audimax.” (Quelle) – von orthographischer kreativität in diesem satz mal ganz abgesehen: Soli-Spontie?
Die breite Masse der Studierenden wird so jedenfalls kaum zu ernst gemeintem Protest animiert werden. Und so lange Studierenden, Uni-Leitung und Medien (Hallo WN…) der Eindruck vermittelt wird, es mit einer Gruppe linker Träumer[1. Was ich jetzt nicht zwanghaft behaupten würde. Das Bild, das vermittelt wird, erinnert jedoch durch Rhetorik sowie teils utopische Forderungen leider oft daran.] zu tun zu haben, ist das Vorhaben (zumindest in Münster) zum Scheitern verurteilt. Harsche Kritik gibt es auch in den Kommentaren der Protestseite:
Ich habe einmal versucht etwas zu sagen, dass wurde seitens der tollen, selbsternannten Moderation im Keim erstickt, mit der Begründung, ich solle erst mal die Diskussionskultur lernen!!!
Die Besetzung war eine Farce von einem Haufen politisierter Möchtegern-Fuzzis, die versuchten, Germany’s next Gerhard Schröder zu werden. Es war einfach nur jämmerlich zu sehen, wie diese bestimmten Personen versucht haben, im Stil eines Debattierclubs mit unehrlichen und verlogenen Statements Beifall und Zustimmung zu erheischen.
Fazit
Der vermeintlich große Protest bleibt in Münster aus. Zumindest in dieser Form ist also die (dringend nötige!) Diskussion um die Zukunft der Bildung nicht machbar – #hierbrenntgarnix, wie mein Schwester treffend urteilte. Oder um es mit den Worten eines Kritikers aus der Mensa Bispinghof zu sagen:
Was muss ich denn hier besetzen, wenn mir solche Aktionen auf die Nerven gehen?