Skandal! „Das Örtliche” veröffentlicht massenhaft Namen und Nummern von Telefonnutzern!
Leute, ich habe eine unglaubliche Entdeckung gemacht. Mir ist ein Verzeichnis in die Hände gelangt, in dem massenhaft die Daten von Telefonnutzern aggregiert und in alphabetisch aufgeführter Reihenfolge hinterlegt sind. Noch krasser: Die Daten sind sogar quasi Location Based in diverse Einzelverzeichnisse unterteilt – man kann also Namen & Nummern auch noch geografisch recht genau zuordnen, da zumeist auch die Adressen der einzelnen Personen angegeben werden.
Weitere Recherchen haben darüber hinaus ergeben, dass die Daten für jeden öffentlich zugänglich gemacht wurden und bei Bedarf leicht über lokale Hubs (sogenannte „Rathäuser” oder „Postfilialen”) an die breite Öffentlichkeit geleakt wurden. Das soll angeblich sogar in jährlich aktualisierter Form passieren. Unfassbar.
Und jetzt noch mal von vorne.
Es wurden also offensichtlich Daten von Facebook in einer riesigen Datei per Crawler aggregiert und zugänglich gemacht. Oh Wunder. Mir ist es ein absolutes Rätsel, warum sich über dieses Geschehen jetzt Leute aufregen und daraus einen Skandal stricken wollen.
Auch die Liste der Unternehmen, die sich die Daten besorgt haben, als „OhmeinGottgucktmalwieböse” zu verkaufen ist in meinen Augen… na ja, nicht gerade clever. Es wird immer wieder – insbesondere in den letzten Monaten – breit diskutiert, dass a) Facebook wie blöde Daten sammelt, b) die Nutzer sich durch undurchsichtige Datenschutzbestimmungen kämpfen müssen (wobei hier ja zumindest ein wenig nachgebessert wurde) und c) viele Daten öffentlich zugänglich sind – wenn man das nicht selbst einschränkt. Jedes der aufgeführten Unternehmen könnte sich mit ein wenig Zeitaufwand einen eigenen Crawler bauen und die Profile auf die exakt gleiche Art (legal!) durchforsten.
Sorry, aber diese Daten sind per se öffentlich über die Graph API zugänglich. Es ist allgemein bekannt, dass Dinge wie das Profilbild oder der eigene Name aus Facebook ausgelesen und anderweitig dargestellt werden können. Ist es jetzt die schiere Masse an Daten, die zum Aufschrei führt? Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, dass Menschen, die sich mit der Thematik bestens auskennen sollten (ja, ich meine netzpolitik & Fefe), versuchen, daraus eine „Meldung” zu stricken.
Es gibt ein praktisches Tool, um zu ermitteln, was denn genau zu einzelnen Personen/Fanpages/Gruppen/whatever erhältlich ist. Dort trägt man einfach seine Vanity-URL oder seine Profil-ID ein & beginnt, sich durch die Daten zu wühlen. Und was kommt zum Beispiel bei mir dabei rum? Nun ja, nicht viel. Ich habe diverse Informationen für den öffentlichen Zugriff gesperrt. Bei anderen Informationen kann ich den Zugriff nicht beschränken, was ich aber gerne in Kauf nehme – denn ich bekomme von Facebook eine (mehr oder weniger) gut funktionierende Dienstleistung, Facebook dafür meine Daten. Wem das nicht gefällt, der meldet sich dort eben nicht an. Wer nicht auf Facebook verzichten kann/will, kann etwas dagegen unternehmen, indem die öffentlich zugänglichen Informationen größtmöglich eingeschränkt werden.
Sprich: Dieser Torrent-Download stellt in meinen Augen nicht dar, wie böse Facebook ist. Sondern eher, wie unfähig die Nutzer dabei sind, ihre Datenfreigaben vernünftig einzustellen. Den Facebook-Nutzungsbestimmungen haben sie alle zugestimmt. Na gut, den Haken gesetzt. Aber das ist nicht das Problem von Facebook, sondern das Problem, das Nutzer mit ihren Daten selbst so sorglos umgehen. Ob Facebook in diesem Punkt in der Pflicht ist, das per Opt-In statt per Opt-Out zu regeln – darüber kann man sich trefflich streiten. Müssen die Leute selbst schlau genug sein oder muss ein Unternehmen die Menschen vor eigener Dummheit schützen? Ich weiß es nicht.
Letztendlich ist die Torrent-Datei aber nur eins: Ein anderes Dateiformat für die Dinge, die eh schon öffentlich sind. Mehr nicht.
(Ach ja: Den Artikel habe ich heute Abend im Zug geschrieben & konnte ihn jetzt erst posten. Mittlerweile ist der Telefonbuch-Vergleich auch bei Berlin Now veröffentlicht.)
Nachtrag: Habe gerade noch einmal den TED-Vortrag „The next 5.000 days of the web” von Kevin Kelly gesehen & überraschend viele Parallelen zu dem gefunden, was Facebook zur Zeit implementiert. Da hat scheinbar jemand gut aufgepasst: