re:publica10 – Rückblick Tag 1
In diesem Jahr bin ich zum ersten Mal (endlich) auf der re:publica – der mittlerweile vierten mit einer Rekordteilnehmerzahl von 2.500 (Web-)Menschen. Ich fasse mal in drei Posts die einzelnen Konferenztage zusammen. Tag 1.
Der erste Vortrag, den ich mir anhörte, war Jeff Jarvis zu „The German Paradox – Privacy, publicness and penises”. Er hatte darüber bereits vor einigen Wochen einen Blogbeitrag verfasst, so dass im Vortrag selbst nicht so viele Neuigkeiten auftauchten. Sein Vortag(sstil) war wirklich toll und sehenswert. Dass seine Thesen nicht vollkommen schlüssig sind, wird bei Meedia deutlich gemacht:
Dass es einen Unterschied macht, ob man sich in einem abgeschirmten Raum wie einer Sauna selbstbestimmt nackt zeigt oder ob man ungefragt auf der Straße fotografiert wird, wird von Jarvis nonchalant übergangen. Würde der Google-Fotograf mit einer Digitalkamera in der Sauna hocken und rumknipsen, würde wohl auch der eine oder andere protestieren.
Somit war der Vortrag zwar an sich gut gemacht, argumentativ zumindest in der Nachschau dann aber doch fragwürdig.
Zum Mittag gab’s dann erstmal eine Runde Risotto bei – haha – RisOtto. Sehr lecker, fairer Preis, stylisch & ganz wichtig: Mit zwei Steckdosen am Tisch
Danach folgte direkt die eigentlich wichtigste Session des Tages: Katzencontent reloaded mit Sven Dietrich (@svensonsan). Großartig. Wenn ich die Präsentation mal finde, dann liefere ich sie hier nach…There, I fixed it.
Danach folgte dann der bisher mit Abstand beste Vortrag, Peter Kruse sprach über „What’s next? – Wie Netzwerke die Gesellschaft revolutionieren”. Der 30-minütige Vortrag war bei weitem zu kurz, Kruse hätte gut & gerne mindestens eine Stunde sprechen können. Für die Nachwelt wurde das Ganze glücklicherweise sowohl als Video als auch in den Folien festgehalten, die lasse ich mal für sich sprechen & halte mich vornehm zurück:
Vortrag
Folien
In die Session „Blogs monetarisieren” habe ich im Prinzip nur kurz reingeschaut, um mich mein iPhone aufzuladen. Was ich vom Vortrag dann so nebenbei mitgenommen habe war, dass das Modell „Geld verdienen mit Blogs” für Sascha Pallenberg offenbar super funktioniert. Was für ihn ebenfalls bestens funktioniert ist allerdings Selbstbeweihräucherung – das mag man jetzt als Neid auslegen, den „Mein Haus, mein Auto, mein Boot”-Charakter der Session kann man aber glaube ich kaum bestreiten… Dennoch ist eine Sache deutlich geworden: Er arbeitet dafür sehr hart (12 — 16 Stunden pro Tag), verdient sein Geld also nicht im Vorbeigehen. Respekt dafür.
Im kleinen Saal der Kalkscheune versammelte sich danach eine Vielzahl von Identitäten, um Christian Heller (@plomlompom) und seiner Idee der Identitäts-Kriege zu lauschen – hier eine ältere Version des Vortrags vom 26c3:
Der Vortrag an sich war ganz interessant, allerdings störte mich der sehr sehr schwammige Begriff von Identität. Im Gespräch mit Karoline machte sie (als Soziologin) deutlich, dass der Vortrag sämtliche Forschung der letzten Jahre außer acht gelasen habe. Das ist für den unbedarften Zuhörer nicht zwangsläufig erkennbar, macht aber letztendlich gefährliches Halbwissen und Stochern im Nebel zum Konsens bzw. zur Basis einer Diskussion – und somit die Diskussion weitestgehend außerhalb des „Wir machen uns mal lose zu einem Thema Gedanken” relativ wertlos.
Was mich darüber hinaus extrem gestört hat, war die beinahe völlige Negierung der Körperlichkeit. Sämtliche Gedankengänge zielten auf digitale Identität ab. Diesen Gedankengang machen sich auch z.B. Luhmann mit seiner Abstraktion auf die Kommunikation zu eigen – in meinen Augen verliert man dann aber den einzigen „zuverlässigen”, unausweichlichen Ankerpunkt menschlicher Individuen. Und in genau diesem Moment wird jegliche Argumentation schwierig, wenn man Prämissen zu Ende denkt, denn: Hinter meiner Körperlichkeit kann ich bis zur letzten Konsequenz nicht verschwinden.
Vor der mit Spannung erwarteten Royal Revue von Herm & Nilzenburger habe ich noch kurz „Auf der Überholspur zum Stoppschild” mit Martin Haase angeschaut. Ein interessanter Vortrag des Linguistenikers, der die Wortnutzung diverser Politiker genauestens sezierte & offenbarte, welch krasses Unverständnis des Internets durch die von ihnen benutzten Begriffe enthüllt wird.
Zum Tagesabschluss folgte dann die vom Guten-Tag-Team (GTT) veranstaltete Royal Revue. Mit einem Wort: AWESOME! Mit einem Potpourri der guten Laune sorgten Herm und Nilz für beste Unterhaltung, während der Pöbel nebenan zur Twitterlesung strömte. Nach einem kurzen Appetizer (Gelati, Gelati) wurde auf’s genauste eine Folge der „Pyramide” auseinander genommen. Großes Unterhaltungskino, das durch die Sonderedition Bodyslambeer, Klaus Döring und der genialen (leider nicht umsetzbaren, da livestreamabhängigen) Idee des Twitterlesungstwitternamenbingo komplettiert wurde. Ein würdiger Tagesabschluss.