keinvz
Disclaimer: Mittlerweile bin ich wieder im studiVZ angemeldet – und das sogar in vollem Bewusstsein ob der damaligen Mängel. Die wurden nämlich mittlerweile behoben, es sind weitreichende Einstellungen zur Zugänglichkeit privater Daten möglich. Außerdem gefällt mir die Kommunikation des Netzwerkes bzw. des Unternehmens dahinter zunehmend besser. So schrieb mich der CTO des studiVZ per Twitter an, nachdem ich dort ein wenig über kleinere Usability-Mängel geschrieben hatte. Mittlerweile sind diese behoben. Für ein Netzwerk dieser Größe ist das nicht nur „nicht schlecht” — es ist ganz und gar wunderbar
Die damalige Kritik bleibt hier trotzdem stehen
Schon immer wollte ich mit einem schönen Zitat in ein Posting starten
Bitte sehr:
Klug ist, wer stets zur rechten Stunde kommt,/ doch klüger, wer zu gehen weiß, wann es frommt.
Emanuel Geibel (1815 – 84), dt. Dichter
Was waren das aufregende Zeiten! Der 21. März 2006. Ich komme aus Osnabrück, habe meinen Platz für’s Pflichtpraktikum in der Tasche. Wunderbar!
Im Wohnungsflur sehe ich schon: Fabians Schuhe!?
Der hatte es sich auch direkt in meinem (ungemachten) Bett gemütlich gemacht, kann ja keiner ahnen, dass a) ich plötzlich vorbeikomme b) mein Mitbewohner & besagter Fabian spontan ein Semester-Klausuren-Abschluss-Besäufnis erster Güte feiern. Beide Seiten waren somit überrascht, schnell war klar: Heute wird rumgegammelt. Lange dauerte es nicht, da saßen wir mit unseren Rechnern ausgerüstet zusammen. Die beiden hatten etwas für mich völlig neues aufgetan: Das studivz! Herrlich!
Das damals noch jungfräuliche Portal bot beste Unterhaltung für den gesamten Nachmittag. Fleißig surften wir herum und begutachteten unter anderem die holde, dem Zeitgeist weit vorauseilende Weiblichkeit, welche den neuen Stern am Social-Network-Himmel ebenfalls bereits entdeckt hatte.
Fleißig erstellten die beiden auch direkt je ein Fake-Profil. Man kann wirklich eine Menge Spaß haben, wenn man sich einfach mal als Frau ausgibt. Dem studivz verdanke ich in diesem Zusammenhang die wundervolle Einsicht, dass Frauen im Bezug auf dumme Anmachsprüche und noch dümmeres Balzverhalten der männlichen Kollegen tatsächlich Recht haben.
Nach einem Nachmittag war das vorläufige “Wow-was-es-hier-alles-gibt”-Gefühl zunächst leicht abgeflaut. Wenn am 13.06.2006 60.000 Studenten angemeldet waren kann man sich vorstellen, dass die Angelegenheit sich Ende März doch relativ übersichtlich gestaltete.
Langsam aber sicher baute sich das Netzwerk über die Monate immer weiter aus. Mehr Freunde, mehr Gruscheln, mehr Gruppen, the sky was the limit!
Doch dann folgten erste Misstöne:
Das studivz nur ein Klon?
Server, die dem großen Andrang nicht standhalten können?
Who cares? Im November 2006 sind bereits 1.000.000 Studenten im Netzwerk vertreten. Auch ich hatte bis dato kleine “Erfolge” zu verbuchen.
Aus lauter Spaß & ohne große Pläne hatte ich die Gruppe “KoWi@MS” gegründet. Mit der Zeit trudelten dort immer mehr Kommunikationswissenschaftler ein (aktueller Stand: 429 Mitglieder). Somit hatte auch unser Institut bzw. dessen Studenten ein virtuelles Heim gefunden. Und ich hatte es auch noch gebaut.
Eine weitere Errungenschaft war (und ist immer noch) die “Twister Studenten-Vereinigung”. Der Zusammenschluss der Studenten meines kleinen Heimatdörfleins nahm schnell ungeahnte Dimensionen an, sowohl im Bezug auf Mitgliederzahlen als auch im Bezug auf gemeinsame Feierlichkeiten auf örtlichen oder selbstveranstalteten Partys. Den Spaß, den mir diese Gruppe gebracht hat, hätte ich so & in diesem Rahmen nicht erwartet.
Zwischendurch hatte ich dann immer mal wieder Phasen, in denen ich die Preisgabe privater Angaben auf ein Minimum reduzierte, dann aber doch wieder schlagartig ausdehnte. Je nachdem, wonach mir der Sinn stand.
Ende 2006 störten dann vermehrte Meldungen über Sicherheitslücken mein Verhältnis zum studivz erstmalig. Bis dahin hatte ich im Bezug auf Datenschutz recht blauäugig auf die Fähigkeiten der studivz-Macher vertraut.
Über das Jahr 2007 hinweg kam dann hinzu, dass die Geschichten der Personalchefs, die im studivz “undercover” Profile begutachten, die Runde machten. Wer würde schon gerne seine Sauf-Fotos dem vielleicht zukünftigen Arbeitgeber auf dem Silbertablett servieren?
Auch dass die Blöd-Zeitung sowohl studivz als auch schulervz zur Recherche von Fotos etc. illegalerweise nutzten empörte, aber störte mich zunächst nicht.
Doch die Vorteile & der Spaß überwogen die Bedenken. Bis vor einigen Wochen.
Die neuen AGBs und die harte Kritik an diesen stellten nur den Beginn dar.
Schon bald schlossen sich unschöne Berichte über diverse Abmahnungen an. Besonders “beeindruckt” hat mich dabei der Fall des erstivz, der wohl der erste in der Abmahnserie und für mich auch unmittelbarste war. Wie kann ein Netzwerk für Studenten einen Studenten abmahnen, der sogar auf der Startseite seines schon prinzipiell äußerst eingeschränkten Angebotes die Nutzung des studivz empfiehlt?
erstivz blieb dann natürlich nicht der einzige Fall. Insgesamt ein überaus fragwürdiges Vorgehen für ein Unternehmen, dass in seinem “Klartext” stets mit pseudo-persönlichen, ach so lockeren Halbsätzen im Meldungsabspann nähe zum Kunden Studenten suggeriert.
Zu diesem Zeitpunkt reflektierte ich zum ersten Mal mein Verhalten dem studivz gegenüber. Erschreckend fand ich sofort, wie lange ich einem solchen Unternehmen meine persönlichen Daten & damit mein Vertrauen geschenkt habe. Schnell wurde mir auch bewusst: Der Mehrwert, den ich am Anfang ganz klar hatte, war mittlerweile verschwunden. Meine Aufenthalte im Verzeichnis beschränkten sich auf reine Ablenkung & Zeitverschwendung. Jegliche Kommunikation, die ich über das Verzeichnis abgewickelt habe, hätte ebenso per Mail (und damit im privaten Rahmen) getätigt werden können.
Den berühmten Tropfen, der das Fass schließlich zum Überlaufen gebracht hat, lieferte dann am Mittwoch der studivz-Geschäftsführer Marcus Riecke höchstpersönlich in einem Spiegel-Online-Interview. Reaktionen in der von mir gern gelesenen Blogger-Gemeinde ließen natürlich nicht lange auf sich warten. Meine Favoriten: Das Quiz im Notizblog sowie Don Alphonsos “Offener Brief an Herrn Riecke“. Weitere Diskussionsbeiträge finden sich bei Rivva.
Danach brauchte ich nicht lange, um mich zu entscheiden: Trotz 268 Nachrichten, 217 Pinnwandeinträgen, 206 Freunden, 70 mit mir verschönerten Fotos
, 18 Gruppen, 5 zu gruschelnden Personen und 4 Fotoalben werde ich dem studivz in absehbarer Zeit den Rücken kehren. Meine Spaß-Mitgliedschaft beim schuelervz natürlich eingeschlossen.
Gründe?
Wer wirklich mit mir befreundet ist wird auch anderweitig Kontakt zu mir herstellen können, wollen, werden.
Geburtstagserinnerungen sollten in meinem Kalender stehen & bewusst von mir dort eingetragen werden. Das muss mir kein Social Network vorkauen.
Die Rückseite der Medaille “Studentenfreundlichkeit”…
Daher wird im Laufe der nächsten Woche eine Nachricht an alle bisherigen Freunde sowie in meine mir wirklich wichtigen Gruppen rausgehen, in der meine weiteren Kontaktdaten enthalten sind. Wer sich dann meldet: Schön. Wer nicht: Pech.
Und jetzt gehe ich ins Bett, da der Text viel viel länger ist als geplant und ich halbwegs die Übersicht verloren habe. Berichtigungen werden wohl folgen
Edit I: Große Hilfe & Anregung zum Beitrag waren die ziemlich vollständigen studivz-Chroniken von daburna.de!