ÖPNV-Musik
ÖPNV-Musik? Hört sich komisch an, oder? Damit meine ich natürlich nicht die kollektive Vergewaltigung Beschallung der ÖPNV-Nutzer durch Bus-/Bahnlautsprecher. Oder etwa die nett gemeinten Lautsprecherbuchsen in einigen Bussen, die die Gäste mit einem Radiosender ihrer Güte beglücken – entsprechendes Hörgerät vorausgesetzt.
Es gibt einige Bands & Interpreten, die für die Fahrt in Bus oder Bahn einfach wie gemacht sind. Zwischen gelangweilt dreinschauendem Mittvierziger-Pendler, der aufgedrehten Schülerclique und den stets schlecht gelaunten Rentnern (die ja oft schon mit dem Vorurteil „Hier gibt mir keiner nen Platz” einsteigen und dementsprechend… freundlich ihren Thron direkt hinterm Einstieg einfordern) schaffen diese Bands es, die Szenerie auf qualitativ höhere Ebenen zu hieven. Dabei gibt es natürlich je nach Situation die passende Musik. Ein paar Vorschläge:
Die Bahn-/Busfahrt ins heimatliche Dörflein
Zusammen mit der Hoffnung fällt Sonne in die Stadt.
Es geht noch immer weiter zumindestens bergab!
Ein klarer Fall für Turbostaat. Die Texte erscheinen auf den ersten Blick etwas zusammenhangslos & sinnfrei – bis man den tristen Weg zwischen Münster und Twist hinter sich gebracht hat, inklusive Aufenthalt am Meppener Bahnhof. Gerade im Herbst bieten die Husumer den perfekten Soundtrack für die karge Landschaft.
Ein Tag vergeht, verzichtet auf die Sonne
Ihr Lachen schön, wie am ersten Tag
Hier war also einmal dein zuhause?
Der Nebel drückt ihr Lachen hastig fort
Da draußen läuft ein Hund mit ner Familie
Man sieht sie kilometerweit entfernt
Wie soll das gehen?
Ja, sagen Sie mal!
Und statt „HUSUM” lassen sich auch andere Ortsnamen wunderbar schreien. Auswechselspieler: Escapado.
Neben feinstem deutschem Rock bieten sich auch iLiKETRAiNS hervorragend an. Sollte der werte Leser mal in den Genuss kommen, in einem baufälligen, hässlichen Bahnhof (s.o. Meppen, gerne auch Jena, Herford oder Rheine) auszusteigen, lege ich wärmstens „Terra Nova” ans Herz. Der Abstieg vom Gleis in die durchnässte, mit Graffitis verzierte Unterführung fühlt sich ohne folgenden Text schlicht unvollständig an:
Great god
This is an awful place
And I do not think that we can hope
For any better things now
Oh the end
Cannot be far
It cannot be far
I cannot wait
Weniger fatalistisch eingestellt bietet die entsprechende klangliche Untermalung aber auch weitaus wertvollere Ergebnisse, nutzt man die folgende Taktik:
MirdochegalichhörGuteLauneMusik!
The Gaslight Anthem. And You Will Know Us By The Trail Of Dead. Beatsteaks. Athlete. Oh, Napoleon.
Ob nun mehr Rock oder mehr Pop – mit dieser Musik ist weder Gefährt noch Überfüllungsgrad ein Stimmungsdämpfer. Macht sich auch gut als „Coole-Musik-Zum-Wie-Im-Video-Durch-Die-Stadt-Laufen”-Untermalung.
So when I see you next we’ll make the most of it,
Tell the sun to start moving again,
The taste of your kiss I still got on my lips,
And i’ll take you there with me
Wer wird denn da schon schlecht gelaunt sein? Da sieht auch die Platzverscheucher-Oma wieder ganz lieb aus – und man freut sich drüber, ihr mit einem Lächeln Platz zu machen. Gute Laune ist jedoch nicht immer gefragt. Und „Gesellschaft” sowieso nicht. Will man sich vollends der Situation entrücken, so hilft:
IchSchwebeÜberAllem
Es gibt Tage, an denen die Außenwelt doch bitte Ruhe geben soll. Dennoch steht die nervige U-/S-Bahn-, schlimmer: Busfahrt an. Dann flüchtet man sich am besten in alles, was auch nur im Entferntesten im Bereich Postrock zu verorten ist.
heysátan
höfðum þau hallí ró
en ég sló
ég sló tún
ég hef slegið fjandans nóg
en ég sló
heysátan
þá fer að fjúka út
út í mó.. (ég dró)
heyvagn á massey ferguson
því hann gaf undan
og mér fótur rann… andskotann
ég varð undan
og nú hvíli hér
með beyglað der
og sáttur halla nú höfði hér
Da geht’s ums Heu mähen. Heu. Mähen. Ja genau. Aber es hört sich so an:
(DirektIsland)
Muss man nicht näher erläutern, denke ich. Eine illustre Runde von Empfehlungen aus meiner iPhone-Playlist:
- Barcelona – Please don’t go (ja ja, die mit dem tollen Aquarien-Video)
- Crippled Black Phoenix – Goodnight, Europe
- Alles von Milhaven
- Schon mal hier besprochen: Nic Bommarito
- Natürlich Sigur Rós & Mogwai
- Sowie recht frisch, extrem abgekühlt & in gefährlicher Nähe zu oben erwähnter Durch-Die-Stadt-Lauf-Liste: The XX.
- Und wenn wir schon beim Schweben sind: Röyskopp – What else is there
Einen netten Übergang zum – neben totaler Entspannung – anderen Extrem bieten Long Distance Calling. Die balancieren nämlich eindrucksvoll auf der Kante zwischen Postrock und:
PRÜGELMUCKE!!!!
Wenn gar nichts mehr hilft, die kegelclubbenden Weihnachtsmarktbesucher oder drölfzig Schülerklassen den ÖPNV-Fan völlig in den Wahnsinn treiben, schließlich auch der Bus bis zum letzten Platz gefüllt ist, dann hilft nur eins: Prügelmucke. Während Thrice mit den neuen Alben auch fast in der Gute-Laune-Abteilung halt machen, räumen die ja bei jeder Band vergötterten frühen Alben zumindest mental auf. Dazu bietet sich auch „Tear from the Red” von Poison the Well an – freundlicherweise mit kleinen Verschnaufspausen. Converge ziehen da schon gnadenloser durch:
Enemies eve
Burn to believe
Guns in the ground are all I see
Love, liars, thieves
All targets to me
Jaws at my heels mean nothing to me
Knives at your throats
All that I see
Don’t doubt me
I am vengeance
I’m built for war
Verspürt man bei entsprechendem Blutdruck das Verlangen, die mitfahrenden Sardinenbüchsenbewohner grundlos anzuschreien, bieten Akimbo oder August Burns Red glücklicherweise eben diese Brüllerei zum Abreagieren per Kopfhörer.
Mit dieser Begleitung bin ich meist für alle Eventualitäten gut gerüstet. Oder habe ich was vergessen? Äußern Sie sich gerne in den Kommentaren